Anonymous wispert: alles gute zum geburtstag, du verrückte schlampe <3
Danke.
Danke.
Blutstropfen, die in Wasser fallen, sehen aus wie die exotischen Medusen des karibischen Meers; sie sinken, sie steigen, sie verlieren sich am feinen Riff meiner Haut. Neid entströmt meinen Unterarmen und färbt die Gischt blassrosa. Die Luft riecht nach Vanilleschoten in der sommerlichen Abendsonne und Eisen an einem klirrend kalten Wintermorgen. Ich kann meine Dämonen nicht ertränken; sie haben gelernt, zu schwimmen. Ich war diejenige, die es ihnen beibrachte, weil ich glaubte, sie würden mich retten, sollte ich Schiffbruch erleiden. Ich hielt sie für Delfine, aber sie wuchsen zu Haien heran. Als sie ihre rasiermesserscharfen Zähne zum ersten Mal in mein Fleisch gruben, verspürte ich Angst, deren Gestank ganze Schwärme ihrer Art anlockte. Das Gefühl verschwand; die Bestien blieben. Ich habe mich an sie gewöhnt — an ihre unstillbare Gier, an die Tatsache, dass sie mich verletzen und die Erwartung, irgendwann von ihnen zerfetzt und verschlungen zu werden.
Ich bin bereit.
The night has fallen, I’m lyin’ awake / I can feel myself fading away. (Streets of Philadelphia) Nicht schlafen, nicht essen, nicht denken, nicht weinen, nur schreiben, schreiben; Seite um Seite meines zerfledderten Notizbuches, Rückseiten von verblichenen Kassenzetteln, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen — eine Packung Rasierklingen, Kompressen (“steril”), Mullbinden, eine Rolle Heftpflaster, Gauloises Blondes (blau, 2×) —, und die Innenseiten von sezierten Zigarettenschachteln, während Springsteen mich mit seiner Stimme bis auf das Skelett auszieht und seine Zähne im obersten Wirbel meines Halses versenkt. Like a river that don’t know where it’s flowing / I took a wrong turn and I just kept going. (Hungry Heart) Es ist entweder der Knochenstaub oder die Einsamkeit, die mir die Tränen in die Augen treibt; ich wünschte, jemand bräche mir endlich das Genick. Der Klang des Wortes “sterben” widert mich an, weil er mich mit seinen Antagonismen verwirrt — die Bitte um Ruhe, der Peitschenschlag, das Würgen, der Atemhauch. ”Tod” aber ist ein dumpfer Schlag, wie ein zufallender Sargdeckel. Ich will eine Beerdigung wie eine Hochzeit, ganz in Weiß und voller Freude, weiße Rosen überall und weiße Tauben, die in panischer Angst ihren Käfigen entfliehen, wenn die Zeit reif ist; ich will wie die verfluchte Hexe, die ich bin, auf dem Scheiterhaufen vor einer sich (z)erbrechenden Menge verbrannt werden. Down in the shadow of penitentiary / Out by the gas fires of the refinery / I’m ten years burning down the road / Nowhere to run ain’t got nowhere to go. (Born In The U.S.A.) Ich will, ich will, ich will. I want a thousand guitars / I want pounding drums / I want a million different voices speaking in tongues / This is Radio Nowhere, is there anybody alive out there? (Radio Nowhere)
— Sigmund Freud
Ein neuer blassblauer Tag, ein neuer dunkelroter Schnitt auf meinem Oberschenkel, eine neue weiße Linie auf der vor meinem Kleiderschrank am Boden liegende Spiegelscherbe, ein neuer Silberstreif am grauen Asphalthorizont. Tiefe purpurne Flüsse und hohe kristalline Gebirgsketten, die sich durch bleiches, zitterndes, atmendes Kriegsgebiet ziehen. Die Infrastruktur kollabiert, die Hauptstadt gefallen, die Regierung geflohen, die Fronten zerschlagen wie der Spiegel im Flur; was bleibt, ist die Zivilbevölkerung, die in den Ruinen eines ehemals pulsierenden Luftschlosses hungert.
Yuki Kajiura — Canta Per Me
Die Luft riecht nach Wärme und Regen. Im Innenhof blühen die Kirschbäume. Man sagt, ihre rosa Färbung sei dem Blut der Toten geschuldet, die unter ihnen begraben liegen; Samurai streibten nach einem Tod wie jenem der Kirschblüte, einem Tod auf dem Höhepunkt ihrer Pracht; ein Kamikaze-Pilot, dessen Name nicht überliefert ist, schrieb im Jahre 1944: “Könnten wir nur fallen wie die Kirschblüten im Frühling — so rein und so strahlend.” Wir leben und sterben inmitten von üppigen Grabgestecken. Es wird Frühling. Der Schnee ist geschmolzen, aber das weiße Rauschen ist noch da. Vielleicht schneide ich mir nur deshalb die Arme auf; weil ich ganz sicher sein will, dass da noch irgendetwas in mir ist, dass meine Adern nicht so leer sind, wie sie sich anfühlen, dass ich nicht so kalt bin, wie ich glaube.
— Pablo Picasso
Irgendwann wirst du so häufig gelogen haben, dass du vergisst, wo die Realität endet und die Unwahrheit beginnt, bis zu jenem Punkt, an dem du selbst über die Unsicherheit verunsichert sein wirst. Du wirst ein Tagebuch schreiben, von dem du nicht weißt, ob es deine Tage dokumentiert oder die Art, wie sie in einer perfekten Welt verlaufen wären. Du wirst die Menschen um dich herum manipulieren, damit sie dich manipulieren, du es nicht selbst tun musst. Weil du es nicht kannst. Du kennst dich, du erkennst dich, während du in den Spiegel blickst und eine Fremde aus dunklen Augen in stummer Anklage zurückstarrt. Sieh dir an, was du getan hast, wird sie sagen. Du wirst behaupten, dass du nicht versucht hättest, dich umzubringen, während leere Tablettenblister und Wodkaflaschen eine andere Geschichte erzählen, fein säuberlich aufgereiht neben der scharfen Kante deines Nachttischs, an dem du dir seit Wochen die Schienbeine blutig schlägst. Du wirst leugnen, dass du versagt hast, und gleichzeitig, dass du dieses Versagen als solches ansiehst, denn du wolltest dich ja nicht umbringen, nicht wahr? Du wirst die Ärmel über die Handgelenke ziehen und deiner imaginären Katze über die Barthaare streichen, während du so enthusiastisch erzählst, wie sehr du dein Leben liebst, dass du es beinahe selbst glaubst, bevor dir bewusst wird, dass du an ihm nur das Ende liebst. Dass du gelernt hast. Was?, werden sie fragen, was hast du gelernt? Du wirst aus dem Fenster blicken und all die Dinge aufzählen, die du noch vorhattest, zu lernen, bevor de Schwärze sich ausbreitete wie Tinte in einem Wasserglas. Russisch, wirst du sagen, Klavier spielen, Japanisch, Ballett tanzen, Einhörner reiten. Mit dem Rauchen aufhören, wirst du sagen, während du die zwölfte Zigarette in einer Stunde anzündest, mit Fingern, die gelb sind von Nikotin und zittern von Schlafmangel. Sie werden den Kopf schütteln. Du wirst für eine Weile verschwinden. Wenn man dich fragt, wo du gewesen bist, wirst du sagen, Wellnessurlaub, ein bisschen die Seele baumeln lassen. Dir wäre dein Hals in einer Schlinge lieber gewesen.